22. August 2016 - Protest gegen Schließungspläne der Stadtverwaltung

Die Presseveröffentlichungen der letzten Woche motivieren uns, unseren Protest gegen die Schließungspläne Erfurter Museen zu artikulieren.
Mit einem offenen Brief wenden wir uns an die Fraktionen des Erfurter Stadtrates.

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Wir sind fassungslos über die Pläne der Stadtverwaltung, der Konsolidierung des Städtischen Haushaltes das Museum für Thüringer Volkskunde und das Margaretha-Reichardt-Hauses zu opfern.

Diese Vorhaben sind als weiterer Einschnitt in die kulturelle Substanz Erfurts nicht hinnehmbar. Wir protestieren ausdrücklich gegen diese Spar-Methode und bewerten sie als eine willkürliche Auslegung von Kultur als einer freiwilligen Leistung der kommunalen Haushalte.

Die Kette der Eingriffe in Erfurts kulturelle Infrastruktur ist lang. Zu ihr gehören:

  • die leichtfertige Abschaffung von Ballett und Schauspielensemble,
  • die Reduzierung des Philharmonischen Orchesters um zwanzig Planstellen und
  • die Herauslösung von Kabarett und Puppentheater aus dem Verbund der Städtischen Bühnen als Vorleistung für nicht zu Ende gedachte Fusionierungspläne mit dem Nationaltheater Weimar;
  • die Preisgabe des Forums Konkrete Kunst;
  • die jahrelange Schließung der Barfüßerkirche als Ausstellungsort für sakrale Kunst und
  • die räumlich erzwungene Teilung der kostbaren Mittelaltersammlung nach der Rekonstruktion des Angermuseums;
  • die völlige Streichung von Haushaltsmitteln für Ankäufe in den Museen;
  • der Verzicht auf das Haus Dacheröden;
  • Personalreduzierungen im gesamten Kulturbereich bis an die Grenze der Arbeitsunfähigkeit;
  • die stringente Reduzierung von Fördermitteln für Kunsthaus, Schotte und Imago und von Projektfördermitteln;
  • signifikante Gebührenerhöhungen.

Die Erfurter Kultur zehrt von ihrer Substanz.

Museen sind keine verstaubten Orte der Ewig-Gestrigen. Ihre konkreten musealen Inhalte sind gegenwärtige Bindeglieder zwischen Vergangenheit und Zukunft. Aus dem Heimatmuseum im alten Hospital wurde am aussagestarken Ort 1955 das Museum für Thüringer Volkskunde geboren, dessen breit angelegte Zeugnisse der Lebens- und Arbeitskultur seit dem Barock von unschätzbarem Wert sind, je weiter die technische Entwicklung alle Lebensbereiche dominiert und die menschliche Existenz von ihren Wurzeln entfremdet. Margarethe Reichardt brachte die freigeistige Bauhaus- Welt als humanistische Alternative zum aufkommenden Faschismus in Erfurts Bürgerlichkeit.

Vorübergehende Besucher-Stagnation verweist keineswegs auf eine mindere Bedeutung beider Museen. Sie sind die Folge des Überrannt-Seins der meisten Menschen von den schnellen Veränderungen der Alltagskultur in der Gegenwart.

Die geplanten Schließungen werden kaum als Entspannung im Haushalt wahrgenommen werden. Ihr Preis für die Zukunft aber ist unverantwortlich hoch. Er bedeutet die wissentliche Abkopplung von unserer Vergangenheit.

In der Erfurter Museumslandschaft sind beide Einrichtungen unverzichtbar!